In Deutschland wird zu wenig investiert

Wachstumsschwäche

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Wachstum ist nach traditioneller ökonomischer Auffassung nur möglich, wenn sich der technische Fortschritt durch unternehmerische Investitionen erhöht und dadurch die Arbeitsproduktivität steigt. Menschen werden durch Maschinen ersetzt und können woanders zusätzliche Werte schaffen. Der Kapitalstock einer Volkswirtschaft steigt so immer weiter an. In Deutschland sinkt aber die Bruttoinvestitionsquote seit Jahren. Sie ist von 25 Prozent 1991 auf unter 20 Prozent des BIP gefallen. Die Nettoinvestitionsquote betrug 1992 noch 9,2 Prozent. Inzwischen liegt sie seit einiger Zeit unter 2 Prozent.

Auch der Staat investiert zu wenig. Deutschland lebt nach Ansicht vieler Ökonomen schon seit geraumer Zeit von seiner Substanz. Der Investitionsstau bei Straßen, Brücken, Schulen und digitaler Infrastruktur ist augenfällig. In den USA und anderen EU-Staaten ist es ähnlich. Das Geld fließt zu stark in den Konsum und in das ausufernde Sozialsystem, das alles auf Kosten zukünftiger Generationen. Vier von fünf Euro, die in den Jahren vor der Krise in Deutschland zusätzlich ausgegeben wurden, sind in den Konsum wie Mütterrente oder Rente mit 63 geflossen. 2019 waren das rund 62 Mrd. Euro. Die Zuschüsse des Bundes zur defizitären Rentenkasse betrug 2020 bereits über 100 Mrd. Euro.

Wenn die Babyboomer-Generation demnächst in Rente geht und die Zahl der Beschäftigten weiter sinkt, stehen auch die Sozial- und Gesundheitssysteme vor harten Schnitten und Strukturreformen. Das ist tragisch, weil die Durchschnittsrente in Deutschland bereits mit 960 Euro auf einem sehr niedrigen Niveau liegt. Deutsche Rentner erhalten unter 50 Prozent des letzten Nettogehalts. Deutschland ist damit in der EU an drittletzter Stelle. Die Niederländer, Portugiesen, Italiener und Österreicher erhalten zwischen 90 und 100 Prozent.

Warum aber investieren auch deutsche Unternehmen im Durchschnitt so wenig in das eigene Geschäft und in die Digitalisierung? Die Frage beschäftigt seit geraumer Zeit viele Ökonomen. Manche sagen, unsere Unternehmerschaft sei zu risikoscheu und bequem geworden. Geld lässt sich heute schneller und einfacher an den Aktien- und Immobilienmärkten verdienen. Andere glauben, dass der Pioniergeist abnimmt und Ideen fehlen. Vielleicht sind Unternehmer/innen auch einfach nur clever und warten ab, welche digitalen Technologien sich durchsetzen. Eine andere Erklärung lautet, dass digitale Investitionen heute weniger Kapital benötigen. Software und Server sind preiswert zu haben. Die US-Big-Tech-Unternehmen benötigen keine teuren „Stahlwerke“ mehr.

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Auch könnte das seit Jahren stagnierende bis nur leicht wachsende Reallohnniveau in Deutschland zu wenig Anreize für eine Automatisierung und damit einhergehende Erhöhung der Arbeitsproduktivität vor allem in kleinen und mittelgroßen Unternehmen bieten. Das lässt sich im Verarbeitenden Gewerbe gut am Anteil der Unternehmen mit Industrierobotern ablesen: 2020 betrug er nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 20 Prozent bei Unternehmen mit 10 bis 49 Beschäftigten, 27 Prozent (50 bis 249 Beschäftigte) und 53 Prozent (mehr als 250 Beschäftigte). Es verwundert daher nicht, dass die Arbeitsproduktivität in Deutschland seit Jahren auf niedrigem Niveau verharrt.

Wachstum, Investitionen und Arbeitsproduktivität stagnieren in Deutschland aber nur im Durchschnitt. Kapitalstarke Konzerne und große Familienunternehmen nutzen die Corona-Krise für grüne und digitale Investitionsoffensiven. So haben z. B. Siemens Energy und Air Liquide gerade ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet, um die Wasserstoff-Technologie voranzutreiben. Die Deutsche Post investiert 100 Millionen Euro in ein Blockchain-Projekt, um Versandartikel eindeutig zu identifizieren. Insgesamt beläuft sich ihr Digitalisierungsbudget auf zwei Milliarden Euro. Auch der gehobene Mittelstand investiert. So hat der Pumpenhersteller Wilo für seine smarte Fabrik in Dortmund kürzlich 250 Millionen Euro ausgegeben. Daraus erklärt sich auch die Vorliebe der Bundesregierung für Großunternehmen. Das Vertrauen in kleine und mittelgroße Unternehmen, Deutschland wieder voranzubringen, scheint beschädigt zu sein.

Autor: Dr. Michael A. Peschke

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