Deutscher Konjunkturaufschwung ist bedroht

Lieferengpässe und Preissteigerungen

Pixabay, Aline Dassel

Die Inzidenzzahlen sinken bundesweit und die lang ersehnten Öffnungen für den Handel, das Gastgewerbe und die Reise- und Kulturbranche sind in Sicht. Gleichzeitig verdüstert sich jedoch der Himmel für die bisher gut durch die Corona-Krise gekommenen Handwerker, Bauunternehmen und Produktionsbetriebe. Viele Rohstoffe und Materialien sind seit dem Frühjahr nicht mehr lieferbar bzw. nur zu horrenden Preisen, die vereinbarte Verträge plötzlich in die Verlustzone bringen und zur Ablehnung von Anfragen führen. Was ist da los?

Branchen in Aufruhr

  • Handwerk: Der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) Hans Peter Wollseifer und viele regionale Kammerpräsidenten schlagen Alarm. Farben, Holz, Dämmstoffe, Beton und andere Baumaterialien verzeichnen extreme Preissteigerungen und sind kaum noch lieferbar. Baustellen müssen schon stillgelegt werden.
  • Auch im Maschinenbau signalisiert der Branchenverband VDMA, dass bereits knapp 50 Prozent der Betriebe von Lieferengpässen und Preissteigerungen betroffen sind. In der Elektroindustrie sind es nach Angaben des ZVEI bereits über 60 Prozent. Es fehlen vor allem Chips, Elektronikkomponenten, Metall und Kunststoffe. Fabriken sind vom Stillstand bedroht. Kurzarbeit ist die Folge.
  • Selbst bisher erfolgreiche Online-Händler beklagen, dass der Nachschub an neuen Waren (z. B. Fahrräder) vor allem aus China stockt.

Gründe

  • Angebotsschock: Im Zuge der Corona-Krise sind die Lieferketten gestört. Die Welt hat – so scheint es – fast alles in China fertigen lassen. Die Havarie im Suez-Kanal hat die Probleme potenziert. Container sind teuer und kaum zu haben. Hinzu kommt, dass europäische Fabriken für Vorprodukte plötzlich stillstehen, weil sie gewartet werden müssen, so z. B. in der Kunststoffindustrie (PE-Folie). Auch Hackerangriffe auf Öl-Pipelines und der Ausbruch von Corona in Taiwan und Südostasien verschärfen die Lage weiter.
  • Nachfrageboom: Hinzu kommt, dass Rohstoffe durch den Aufschwung in China und den USA plötzlich stark nachgefragt sind. So kaufen Amerikaner und Chinesen den deutschen Holzmarkt leer. Handwerker und Bauunternehmer schauen mit Wut im Bauch den auslaufenden Schiffen hinterher. Auch bei den Konsumenten hat sich die Nachfrage gestaut. Sie wird sich in den nächsten Wochen nach den europaweiten Öffnungen entfalten.

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Folgen

  • Stagnation: Die Unternehmen reagieren mit Hamsterkäufen. Die Läger werden vollgepackt. Das sorgt für weitere Preisanstiege. Das Vertrauen scheint zu schwinden. Wer keine Preisgleitklauseln in seinen Verträgen hat, dem drohen Verluste von eigentlich mit Gewinn kalkulierten Aufträgen. Wer gar nicht liefern kann, muss mit Vertragsstrafen rechnen. Neue Aufträge können nicht angenommen werden. So kann die gesamte Wirtschaft im Herbst in eine weitere Krise rutschen.
  • Inflation: Der starke Anstieg der Rohstoffpreise wird zunächst die langlebigen Gebrauchsgüter (z. B. Autos, Computer, Waschmaschinen) verteuern. Nach und nach kann sich die Inflation dann in die Märkte für den täglichen Bedarf fressen. Denn auch die Preise für Weizen, Mais und andere Lebensmittelgrundstoffe sind an den Börsen gestiegen. Hinzu kommen Verpackungsprobleme, da Holz-Paletten, Pappe und Plastik fehlen. Das in den letzten Monaten reichlich geschöpfte und gesparte Geld trifft dann auf ein reduziertes Angebot.

Beide Entwicklungen führen dann zur Stagflation, also dem gleichzeitigen Auftreten von Stagnation und Inflation. Dieses ökonomische Phänomen hatten wir letztmalig in der Ölkrise der 1970er Jahre.

Lösungen

Mehr oder weniger alle Verbände der betroffenen Branchen fordern im Moment von der Bundesregierung einen Exportstopp, z. B. von Holz. Doch die Politik wiegelt ab und spricht – unterstützt von regierungsnahen Ökonomen - von lediglich vorübergehenden Problemen. Bis dahin wird jedes Unternehmen für sich einen Weg finden müssen, um aus dieser Misere herauszukommen. Der viel beschworene und für die zweite Jahreshälfte angekündigte Aufschwung in Deutschland scheint jedenfalls in Gefahr geraten zu sein.

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